Es begann mit einem schlechten Gewissen. Als Matthias Kalle eines Tages gewahrte, dass seine schlechte Angewohnheit, sich die Wartezeiten auf dem Spielplatz mit Zeitung, Kippen und Kaffee zu vertreiben, offenbar bei anderen Vätern Schule machte, dämmerte es ihm: „Der Anblick widerte mich an – ich fand es eklig, unverschämt. Ich fand es falsch.” Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung und diese ging im Falle des Zeit-Autors soweit, dass er sie mit seiner Kollegin Tanja Stelzer in ein ganzes Buch ummünzte. Herausgekommen ist dabei der vorliegende Elternknigge. Wer anhand des Titels eine moralinsaure Benimmfibel in der Tradition des Adolph Freiherr von Knigge vermutet, ist völlig schief gewickelt. Dass es sich bei diesem Erziehungsratgeber um einen der etwas anderen Art handelt, lässt aber bereits der Untertitel vermuten. Bei genauerem Besehen handelt es sich nämlich um eine Sammlung von 149 Grenzfällen, die den meisten Eltern im alltäglichen Umgang mit ihren Kindern und Teenagern auf die ein oder andere Weise schon einmal untergekommen sein dürften. Kunststück, stammen doch die Anregungen zu diesem Büchlein allesamt erkennbar aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz ausgewiesener Praktiker aus dem Freundes- und Kollegenkreis der beiden Herausgeber. Und so kommt es, dass hier wirklich einmal die essentiellen Fragen behandelt werden, die Eltern bewegen. Zum Beispiel, ob man im Beisein von Kindern tatsächlich nicht bei Rot über die Ampel gehen darf. Dazu Ilka Piepgras (46), Mutter siebenjähriger Zwillinge: „Wichtiger als die stupide Regel ,Bei Rot stehen, bei Grün gehen’ ist das Prinzip: Über die Straße laufe ich nur, wenn es ungefährlich ist – ganz gleich, ob bei Grün oder Rot.” Oder ob man dem Töchterlein die rosa Prinzessin Lillifee verbieten darf, was Zeit-Magazin-Autor Tillmann Prüfer unter Verweis auf den Erziehungsauftrag zu gutem Stil und Geschmack geradezu zur Pflicht erklärt. Wer gerne aus berufenem Munde hören will, ob man sich als Schwangere den Bauch betatschen lassen muss, das Baby mit auf die Party darf , Kinderlose mit Kindergeschichten behelligt, vor seinem Kind geweint, für es gelogen oder dem Kleineren der Größere zum Vorbild gemacht werden darf und so weiter und so fort, dem sei dieses äußerst vergnügliche Buch wärmstens empfohlen. Das ideale Mitbringsel nicht nur für ungezogene Eltern. – Franz Klotz